11.08.2022

„Mister Corona“ wurde zu „Professor Wirrwarr“

Olaf Scholz wollte Karl Lauterbach bekanntlich nicht in seinem Kabinett haben. Der SPD-Gesundheitsexperte galt als zu eigenbrödlerisch und sprunghaft, als nicht teamfähig. Doch in der Öffentlichkeit genoss Lauterbach damals einen Ruf wie Donnerhall. Wenn einer dem Land eine klare Anti-Corona-Strategie verordnen könne, so der allgemeine Tenor, dann der Medizinprofessor. Scholz gab nach und machte seinen Parteigenossen Lauterbach zum Gesundheitsminister.

Lang, lang ist‘s her. Vor dem nächsten Corona-Winter und der nächsten Pandemie-Welle ist Lauterbach nicht der Mann, der führt, sondern der eher verwirrt. Mal empfiehlt er die vierte Impfung für mehr oder weniger alle, dann will er davon nichts wissen. Mal erweckt er den Eindruck, wer sich alle drei Monate impfen lasse, könne sich in der drohenden Maskenpflicht entziehen, mal hält er das für nicht sinnvoll.

Hätte Lauterbach alleine das Sagen, wären die für den Herbst zu erwartenden Einschränkungen deutlich härter ausgefallen, als von der Regierung geplant. So aber musste er sich mit Justizminister Marco Buschmann von der FDP auf einen Kompromiss mit weniger strikten Auflagen einigen. Herausgekommen ist unter anderem der Plan, Menschen von der Pflicht zum Maskentragen in Restaurants oder bei Kultur- und Sportveranstaltungen zu befreien, wenn ihre Impfung nicht älter als drei Monate ist. Das ist vielfach als Aufforderung verstanden worden, sich alle drei Monate impfen zu lassen. Lauterbach selbst sagte damals: „Das ist ein Anreiz für die Impfung.“

Dagegen wehrte sich der Gesundheitsminister in einem Tweet: „Glauben Sie im Ernst, dass Menschen sich alle drei Monate impfen lassen, um ohne Maske in ein Restaurant gehen zu können??????“, antwortete er auf Twitter auf eine entsprechende Frage – mit gleich 6 Fragezeichen. Und fügte hinzu: „Wenn wir das wirklich oft sähen, würden wir die Regel ändern, machen die Ausnahme dicht.“

Man muss wohl in Harvard Medizin studiert haben, um zu verstehen, was Lauterbach meinen könnte. Einerseits soll sich die Maske ersparen können, wer innerhalb der letzten drei Monate geimpft wurde. Zugleich soll sich aber niemand nur deshalb alle drei Monate impfen lassen, um keine Maske tragen zu müssen. Ja, was denn nun, Herr Minister? Soll die Drei-Monats-Regel zum Impfen anreizen oder nicht?

Natürlich kann niemand wissen, was in den nächsten Monaten auf uns zukommt. Ob es beispielsweise neue Virus-Varianten geben und wie der an Omikron angepasste neue Impfstoff wirken wird. Auch sind sich die Experten in Bezug auf Impfen und Maskentragen keineswegs einig. Umso wichtiger wäre jetzt ein Gesundheitsminister, der einen klaren Kurs verfolgt. Der den Bürgern unmissverständlich sagt, wie er die Lage einschätzt, was er rät und was selbst er nicht wissen kann.

Lauterbach verwirrt nicht nur die Bürger. Auch sein Verhältnis zum Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, ist nicht das Beste, obwohl das RKI bei der Bekämpfung der Pandemie eine zentrale Rolle spielt. Anfangs des Jahres hatte Lauterbach Wieler öffentlich demontiert, weil dieser angeblich die Verkürzung des Genesenenstatus‘ von sechs auf drei Monate eigenmächtig verkündet habe. Wie die „Welt am Sonntag“ inzwischen herausgefunden hat, war Lauterbachs Ministerium vorab aber sehr wohl informiert gewesen. Gleichwohl gilt Wieler seitdem als angezählt.

Der Gesundheitsminister hat gegenüber den Ministerpräsidenten der Länder ebenfalls nicht immer mit offenen Karten gespielt. Er hatte diesen zu Beginn des Jahres versprochen, sie rechtzeitig zu informieren und ihre Einwände zu berücksichtigen, hielt sich aber nicht daran. Der damalige hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) fühlte sich „persönlich hintergangen“. Reiner Haseloff (CDU), Regierungschef von Sachsen-Anhalt, warf Lauterbach „Überrumpelung“ vor. Seitdem ist Lauterbachs Glaubwürdigkeit angeschlagen.

Lauterbach, als Corona-Minister mit viel Vorschusslorbeeren ins Amt gekommen, liefert nicht, was die Menschen von ihm erwartet hatten: eine klare Strategie und klare Ansagen. Zudem hat er an Glaubwürdigkeit eingebüßt. In der Flut seiner Interviews und Medienauftritte brilliert er mit Detailwissen, verwirrt aber die Öffentlichkeit mehr als er ihr hilft. Was nützt die Kenntnis jeder neuen Harvard-Studie, wenn daraus keine Handlungsanleitung folgt?

Neun Monate nach Amtsantritt hat sich Lauterbach mit seiner miserablen Kommunikation selbst demontiert. Aus „Mister Corona“ wurde „Professor Wirrwarr“ – schade eigentlich.

(Veröffentlicht auf www.focus.de am 11. August 2022)


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