13.05.2020

Gesundheitsamt – Bitte nicht stören!

Vor gut acht Wochen trat Bundeskanzlerin Angela Merkel vor die Fernsehkameras, rief den Corona-Notstand aus und kündigte der Nation einschneidende Maßnahmen an, „die es so in unserem Lande noch nicht gegeben hat.“ So kam es dann auch.

Aber all die Auflagen, Einschränkungen und Verbote waren nicht einschneidend genug, um Teile des Beamtenapparats aus dem gewohnten Trott aufzuschrecken. Das trifft jedenfalls für eine ganze Reihe von Gesundheitsämtern zu. So teilt das Robert-Koch-Institut jeden Montag die neuesten Zahlen von der Corona-Front mit. Aber dabei fehlt nie der Zusatz, die Zahl der aktuellen Neuinfektionen entspreche wohl nicht dem tatsächlichen Stand, „weil nicht alle Gesundheitsämter am Wochenende Daten übermitteln.“

Da hört man ihn wiehern, den Amtsschimmel. Samstag und Sonntag gehören Vati und Mutti der Familie, mag es bei dieser Pandemie auch „um Leben oder Tod“ gehen, wie der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet verkündet hatte, ehe er sich in „Öffnungsdiskussionsorgien“ stürzte. Aber so gefährlich kann’s ja wohl nicht sein, wenn viele der 400 Gesundheitsämter an Wochenenden so dünn besetzt sind, dass allenfalls noch das Telefon abgenommen wird, aber niemand Zeit und Lust hat, die aktuellen Fallzahlen an das RKI in Berlin weiterzugeben.

Man stelle sich vor, Gerhard Schröder säße noch im Kanzleramt. Der würde sich im Zweifel an seinen inzwischen 25 Jahre alten Satz über die Lehrer erinnern („Ihr wisst doch ganz genau, was das für faule Säcke sind“) und ihn flugs auf die Freizeitkünstler in den Gesundheitsämtern anwenden. Ob Lehrer oder Abteilungsleiter im Gesundheitsamt – Beamter bleibt Beamter.

Natürlich haben die Gesundheitsämter zurzeit eine große Last zu schultern. Aber das kann doch kein Grund dafür sein, dass eine größere Zahl von ihnen am Wochenende nicht liefert, was das RKI und die Politik brauchen. Schließlich kann niemand verantwortliche Entscheidungen über die Lockerung oder Rücknahme von Einschränkungen fällen, wenn er nicht auf dem aktuellsten Stand der Verbreitung von Covid-19 ist. Dazu muss man wissen, wie viele Menschen sich jeden Tag angesteckt haben – und viele andere Daten obendrein.

Ganz abgesehen von dem offenbar in Gesundheitsämtern besonders ausgeprägten Regenerationsbedürfnis müssen in unseren Amtstuben die vielfach noch herrschenden mittelalterlichen Arbeitsmethoden erschrecken. Ärzte und Labore müssen ihre Daten meistens per Fax an die Ämter weiterleiten, weil es mit der Digitalisierung halt hapert. In den Gesundheitsämtern werden diese Papierberge dann ausgewertet – meistens per Hand. Tja, da kann es halt dauern, bis neue „einschneidende Maßnahmen“ beschlossen oder beschlossene wieder abgemildert werden können.

Man kann angesichts dieser Zustände in einem angeblich hochtechnisierten Industrieland verzweifeln – oder es mit Humor nehmen. Die bei Karnevalisten so beliebten Beamtenwitze werden in der nächsten Kampagne sicher gut ankommen. Etwa nach der Melodie: Kommt ein Beamter in die Tierhandlung und sagt: "Tut mir leid, ich muss den Goldfisch zurückgeben. Der brachte so viel Hektik ins Büro."

Veröffentlicht auf www.cicero.de am 13 .Mai 2020


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