15.10.2018

In Bayern zählen die Demoskopen zu den Verlierern

In Bayern haben die Wähler am Sonntag die SPD geschrumpft und der stolzen CSU die Lederhosen ausgezogen. Sie haben aber noch weitere Wahlverlierer produziert: die Meinungsforscher. Die lagen mit ihren letzten Vorhersagen nicht völlig falsch. Aber weil sie die CSU durchweg zu schwach eingeschätzt hatten, waren ihre Zahlen in einem entscheidenden Punkt wertlos: Eine Zweier-Koalition aus CSU und Freien Wähler wäre den Prognosen zufolge nicht möglich gewesen. Aber genau diese Konstellation ist jetzt nicht nur rechnerisch möglich; sie wird auch aller Wahrscheinlichkeit nach von November an regieren.

Dass die weiß-blaue Staatspartei meilenweit von ihren früheren Wahlergebnissen in der Kategorie „50 Prozent plus X“ entfernt sein würde, hatte seit langem festgestanden. Aber als die Forschungsgruppe Wahlen und INSA in der Woche vor der Wahl der CSU nur noch 34 beziehungsweise 33 Prozent zutrauten und damit die 33 Prozent von Infratest dimap aus der Vorwoche bestätigten, löste das Schockwellen bei Söder, Seehofer und Co. aus. Umgekehrt konnten Grüne und SPD ihr Glück kaum fassen: Plötzlich schien eine Koalition gegen die seit Jahrzehnten übermächtige CSU denkbar – jedenfalls auf dem Papier. Es kam bekanntlich anders. Mit 37 Prozent lag die CSU nicht nur mehr als zehn Prozent über den prognostizierten 33 Prozent. Sie ist plötzlich stark genug für theoretisch vier Regierungsbündnisse: Für Schwarz-Grün, für Schwarz-Rot, für CSU/Freie Wähler und für eine Koalition mit Freien Wählern und FDP. Für eine Partei, der den Umfragen zufolge vor ein paar Tagen noch die Vertreibung aus der Staatskanzlei drohte, eine geradezu komfortable Situation.

Die Meinungsforscher lagen relativ gut mit Grünen-Werten von 18 oder 19 Prozent, mit ihren 10 und 11 Prozent für die Freien Wählern und mit 5,5 Prozent für die Freien Demokraten. Aber kein Institut, mit Ausnahme von INSA, erwartete die SPD unter 11 Prozent; es waren traurig 9,7 Prozent. Die Linke war von den meisten Instituten auf 4,5 Prozent taxiert worden, hatte also Chancen auf den Einzug in den Landtag. Mit kümmerlichen 3,2 Prozent blieb ihr das aber verwehrt.

Die Forschungsgruppe Wahlen und Infratest dimap behielten mit ihren 10 Prozent-Vorhersagen für die AfD recht. Deutlich daneben lag dagegen INSA mit seinen 14 Prozent für die neue Partei am rechten Rand. Die Faustregel, dass AfD-Wähler ihre Präferenz für die Rechtspopulisten gegenüber den Interviewern häufig nicht offenbaren, scheint nicht mehr zu gelten. Die AfD-Ergebnisse sind nicht mehr deutlich höher als die in den Umfragen ermittelten Werte.

CSU und SPD waren nicht die einzigen Verlierer bei dieser Bayernwahl; auch die Demoskopen verlassen das Schlachtfeld stark angeschlagen. Auch wenn die Institute ihre Umfrageergebnisse stets als „Momentaufnahmen“ bezeichnen: Parteien und Medien nehmen sie gemeinhin ernster, als sie es verdienen. Doch die alte Fußballer-Regel, „entscheidend ist auf’m Platz“, gilt auch bei Wahlen: Entscheidend ist an der Urne.

Veröffentlicht auf www.focus.de am 16. Oktober 2018.


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