26.07.2018

Aktueller denn je: „German Dream“

Mesut Özil hat mit seinen Rassismus-Vorwürfen eine Lawine losgetreten. In den „Social Media“ empören sich scharenweise Menschen mit Migrationshintergrund, stellen sich als Opfer von Ausländerfeindlichkeit dar und charakterisieren die Bundesrepublik als ein Land, in dem Menschen mit ausländischen Wurzeln allenfalls widerwillig geduldet werden – aber letztlich keine Chance haben.

Da tanzt die in Deutschland als Kind jesidisch-kurdischer Eltern geborene Düzen Tekkal auffällig aus der Reihe. Die mehrfach preisgekrönte Fernsehjournalistin und Kriegsberichterstatterin hat jetzt auf Twitter die klagenden und jammernden Zuwanderer mit und ohne deutschen Pass mit der Frage konfrontiert, was denn das Befeuern der eigenen Opfer-Existenz bringen solle – außer einer Verfestigung der bestehenden Spaltung. Sie hat für die öffentliche Diskussion gleich mehrere, positive Hashtag-Vorschläge gemacht: #Germandream, #Verfassungspatriotismus, #Wirsinddrin, #wirsindWertebotschafter,#wirsindDeutschland.

Mich hat der Begriff „German Dream“ sofort begeistert, der Deutsche Traum. Denn Tekkal, das Kind von Flüchtlingen, erinnert uns Deutsche daran, dass dieses Land – trotz aller Schwierigkeiten und Schwächen – unverändert für unzählige Menschen in aller Welt ein Traumland und ein Traumziel ist. Aber auch für die hier Lebenden ist der „Deutsche Traum“ von Wohlstand in Freiheit nicht ausgeträumt. Ja, Wohlstand und Aufstiegschancen müssten gerechter verteilt sein. Ja, die Freiheit wird täglich von ganz links wie von ganz rechts bedroht. Ja, wir leben in diesen unruhigen Zeiten nicht auf einer Insel der Seligen. Aber dieses Land bietet den Fleißigen und Tüchtigen, den Einfallsreichen und Wagemutigen unverändert große Chancen. Auch deshalb würden Millionen Menschen auf dieser Welt – nicht zuletzt aus islamischen Ländern – ihre Sorgen und Nöte liebend gern gegen unser „Deutsches Problem“ eintauschen: dass für uns das Glas nie halb voll, sondern stets halb leer ist.

Tekkals Eltern waren in den 1970er-Jahren aus der Türkei nach Deutschland geflohen. Für sie und ihre elf Kinder ist der „Deutsche Traum“ wahr geworden und für viele andere Flüchtlinge und Zuwanderer auch: Aufstieg durch Leistung, Wohlstand, Friede und Freiheit. „German Dream“ ist kein leeres Versprechen. Gut, dass eine Deutsche mit jesidischen Wurzeln uns daran erinnert – gerade jetzt.

Veröffentlicht auf www.focus.de am 26. Juli 2018.


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