19.07.2018

Mini-Renten sind kein Beleg für Altersarmut

„Fast jede zweite Rente liegt unter 800 Euro“. Meldungen wie diese sind Wasser auf die Mühlen derer, die Deutschland als ein Land zeichnen, in dem Massenarmut droht. Vor allem Politiker der Linken leiten daraus die Gefahr einer rapide ansteigenden Altersarmut ab. Schließlich bleibt man mit 800 Euro unter dem Niveau der gesetzlichen Grundsicherung.

Nun gibt es an der Tatsache, dass im Jahr 2016 48 Prozent aller Rentner im Monat weniger als 800 Euro an Rente erhielten, keinen Zweifel. Die Zahlen stammen aus dem Arbeitsministerium. Im Jahr 2017 dürfte sich ungeachtet der Rentenerhöhung daran wenig geändert haben. Nur: Wenn ein Rentner im Monat weniger als 800 Euro bekommt, heißt das noch lange nicht, dass er davon leben muss. Wäre dem so, lebten wir wirklich in einem Armenhaus.

Tatsächlich kommt der durchschnittliche Rentnerhaushalt auf ein monatliches Nettoeinkommen von mehr als 2.400 Euro. Das hat mehrere, einleuchtende Gründe. In den meisten Rentnerhaushalten leben zwei Personen – mit zwei Renten. Dazu kommen in vielen Fällen Zusatzeinnahmen wie Zinsen, Betriebsrenten, private Rentenversicherungen, Lebensversicherungen, Mieten oder Pachten. Denn die gesetzliche Rente macht im Durchschnitt nur 64 Prozent der Einkommen der Rentner aus; der Rest kommt aus anderen Quellen.

Die hohe Zahl von Mini-Renten sagt noch aus einem anderen Grund wenig über die soziale Lage der Ruheständler. Fast zwei Drittel der Renten unter 800 Euro entfallen auf Frauen, die selbst nur geringe eigene Rentenansprüche aus wenigen Jahren Berufstätigkeit oder Kindererziehungszeiten erworben haben. Auch Männer mit Klein-Renten müssen nicht zwangsläufig am Hungertuch nagen. Viele Selbständige waren im Laufe ihres Berufslebens einige Zeit als Angestellte beschäftigt und beziehen aus dieser Zeit eine kleine Rente – zusätzlich zu ihrer vielleicht üppigen privaten Vorsorge.

Dass die Horror-Schlagzeile „Fast jede zweite Rente liegt unter 800 Euro“ keine große Aussagekraft hat, zeigt sich im Übrigen daran, dass nur bei drei Prozent aller Rentner die eigenen Rentenansprüche auf das Grundsicherung-Niveau von gut 800 Euro aufgestockt werden muss. Müssten nämlich 48 Prozent aller Rentner von weniger als 800 Euro leben, wäre die Zahl der Aufstocker viel höher.

„Fast jede zweite Rente liegt unter 800 Euro“ klingt nach Armut. Tatsächlich ist das ein statistischer Wert ohne große Aussagekraft. Was wieder einmal bestätigt, dass Statistiken wie Bikinis sind – sie zeigen viel aber verhüllen das Wesentliche.

Veröffentlicht auf www.focus.de am 18. Juli 2018.


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