25.06.2018

Nicht integrierte Deutschtürken stimmten für Sultan Erdogan

Auf seine in Deutschland lebenden Türken kann sich der Sultan vom Bosporus verlassen. Etwa zwei Drittel stimmten jetzt für Recep Erdogan, also deutlich mehr als in der Türkei selbst. In vielen Großstädten feierten diese Deutschtürken den Wahlsieg ihres Idols mit Autokorsos. Offenbar wirkt ein autoritäres Regime aus der Ferne attraktiver, als wenn man es täglich erleben oder erleiden muss.  

Die große Zahl der in Deutschland lebenden Erdogan-Fans ist ein Beleg für die schlechte Integration vieler bei uns lebender Türken. Diese Menschen gehen ihrer Arbeit nach und halten sich an unsere Gesetze. Aber von Demokratie und Rechtsstaat halten sie nichts. Man kann auch sagen: Sie nutzen gerne die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die ihnen Deutschland bietet und auch unser soziales Netz. Aber für unsere Werte haben sie kein Verständnis: Nicht wenige dürften das, was unsere liberale, pluralistische Gesellschaft ausmacht, sogar verachten.  

Es ist nicht das erste Mal, dass hier lebende Türken sich an den permanenten Verstößen des Erdogan-Regimes gegen die Menschenrechte nicht stören. Schon bei früheren Parlamentswahlen haben sie Erdogans AKP kräftig unterstützt. Auch bei dem Referendum über die Verfassungsänderungen, die Erdogan eine undemokratische Machtfülle einräumen, gab es unter den Deutschtürken eine besonders hohe Zustimmung. 

Erdogans Sieg bei seinen Deutschtürken zeigt, wie weltfremd die von Grün-Rot und bis hinein in die CDU unverändert gepriesene Multikulti-Ideologie samt der dazugehörigen Doppelpass-Euphorie sind. Grüne, Linke und Sozialdemokraten machen immer wieder Vorstöße, länger bei uns lebenden Ausländern das Wahlrecht zu geben, zumindest auf kommunaler Ebene. Dann dürften auch die Erdogan-Fans mitbestimmen, wer in unseren Rathäusern das Sagen hat.  

Vielleicht hat Erdogans Deutschland-Sieg sogar etwas Gutes, indem er zumindest einigen Multikulti-Befürwortern die Augen öffnet. Der Grüne Cem Özdemir jedenfalls hat noch in der Wahlnacht sein Entsetzen über das Wahlverhalten der Deutschtürken auf Twitter so zum Ausdruck gebracht: „Seien wir ehrlich zu uns: Die feiernden deutsch-türkischen #Erdogan Anhänger feiern nicht nur ihren Alleinherrscher, sondern drücken damit zugleich ihre Ablehnung unserer liberalen Demokratie aus.“ Selbst der ganz auf Multikulti eingestellte „Tagesspiegel“ lästerte in seinem Online-„Checkpoint“: „Der beflaggte Karossenkorso gestern Abend in Berlin galt nicht der türkischen Nationalmannschaft (fehlt in Russland), sondern der Freude über eingeschränkte Menschrechte.“  

Man kann darüber streiten, ob die deutsche Gesellschaft in der Vergangenheit genug für die Integration von Zugewanderten getan hat. Aber integrieren kann sich nur, wer sich integrieren will. Die Erdogan-Fans wollen das offenbar nicht. Sie fühlen sich in ihrer Parallelgesellschaft auf deutschem Boden wohl. Sie schätzen beides: deutschen Wohlstand und Erdogans nationalistisches Weltbild. Wer darauf hinweist, ist kein Ausländerfeind – sondern einfach ein Realist.  

Veröffentlicht auf www.focus.de am 25. Juni 2018.


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