31.08.2017

Beim „Duell“ am Sonntag gibt es keine Toten

Gibt es beim Kandidaten-Duell am Sonntag Tote? Wird oder bleibt Kanzler, wer das Studio lebend verlässt? Die medialen Schlachtenbummler der einzigen direkten Auseinandersetzung zwischen Amtsinhaberin Angela Merkel und ihrem Herausforderer Martin Schulz scheinen zu hyperventilieren. Man könnte fast meinen, am Wahlsonntag werde lediglich ratifiziert, was am Duellsonntag entschieden werde.

So wird es natürlich nicht sein. Aus allen bisherigen Elefantenrunden und Duellen in Bund und Ländern wissen wir: Noch nie hat der ultimative TV-Showdown in der Bundesrepublik eine Wahl entschieden. Merkel hat schon gegen Gerhard Schröder, Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück „im Ring“ gestanden, war Schröder und Steinbrück rhetorisch unterlegen, gewann aber dennoch die Wahl. Richtig ist aber auch: Wer schon – umfragemäßig – schwach auf der Brust ist und auch noch wenig überzeugend auftritt, der verlässt das Schlachtfeld noch schwächer. Umgekehrt sichert eine gute Performance gute demoskopische Werte ab.

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Was erwartet uns also am Sonntag? Zunächst einmal vier Moderatoren. Schließlich geht es ARD, ZDF, RTL und SAT.1 nicht in erster Linie darum, einen wichtigen Beitrag zum Prozess der politischen Willensbildung zu leisten. Aus Sicht der Sender ist es völlig gleichgültig, was Schulz und Merkel sagen. Ihnen geht es in erster Linie darum, dass ihre "Talking Heads" gut aussehen - vor allem besser als die ihrer TV-Konkurrenten. Für die beiden Privatsender ist das Ganze zudem noch ein Test. Da die Wahlsendung zeitgleich in allen vier Programmen ausgestrahlt wird, erfahren RTL und SAT.1 auf diese Weise, wie viele beziehungsweise wie wenige Zuschauer sie einschalten, um sich politisch zu informieren.

Für die beiden Kontrahenten Schulz und Merkel geht es in erster Linie darum, ja keinen Fehler zu machen. Also peinliche Versprecher vermeiden, keine unverständliche Wissenslücken offenbaren, nicht dem widersprechen, was man vor kurzem selbst gesagt hat, keine Gegensätze zu Seehofer beziehungsweise zu Gabriel aufkommen lassen, auf keinem Fall von der Parteilinie abweichen. Wer das schafft, hat schon mal das Schlimmste vermieden.

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Wie aber punkten? Martin Schulz muss natürlich angreifen. Seine Strategie wird so aussehen: Alle Erfolge der Großen Koalition gehen auf das Konto der Sozialdemokraten. Dass es dennoch Fehlentwicklungen gibt, liegt an der Sturheit von Merkel/Seehofer, die geniale SPD-Vorschläge stur abgelehnt haben. Dass diese „Erzählung“ nicht ganz stimmig ist, spielt keine Rolle. Schließlich hat die SPD in 15 der letzten 19 Jahre im Bund mitregiert und 7 Jahre davon sogar den Kanzler gestellt. Auch fallen viele von Schulz beklagte Missstände, beispielweise im Bildungswesen, in die Kompetenz der Länder und damit auch in die von SPD-Ministerpräsidenten. Sei’s drum: Schulz wird das so erzählen; er hat keine andere Story.

Angela Merkel wird dagegen die Landesmutter geben, sozusagen die "mater familias": Unter meiner sanften Führung haben die Sozialdemokraten doch ordentlich mitregiert. Warum sich jetzt also künstlich aufregen und streiten? Dieser Stil wird von Journalisten gerne als langweilig kritisiert, trifft aber die Gemütslage der Deutschen. Die wollen nämlich keinen Parteienstreit, sondern ruhig und ordentlich regiert werden. Merkel weiß, dass die meisten Menschen sich hierzulande wohl fühlen und sich um das Kleingedruckte in Parteiprogrammen nicht scheren. Dieses Gefühl des Wohlbefindens und der Ruhe wird Merkel am Sonntag zu befördern suchen.

Spannend könnte es werden, wenn es um die Koalitionsfrage geht. Merkel hat sich festgelegt: Mit der AfD und den Linken geht gar nichts. Ansonsten ist aus der Sicht von CDU/CSU alles möglich: Schwarz-Rot, Schwarz-Gelb, Schwarz-Grün oder Schwarz-Gelb-Grün. Schulz dagegen wird herumeiern: Er wird weder Rot-Rot-Grün kategorisch ausschließen noch eine Neuauflage der GroKo. Mit Sicherheit wird er sagen, gegen Rot-Schwarz unter seiner Führung wäre nichts einzuwenden. Aber es wäre eine Sensation, wenn er eine Neuauflage von Schwarz-Rot hundertprozentig ausschließen würde.

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Laut „Forsa“ will am Sonntag jeder zweite der 61,5 Millionen Wahlberechtigten die Sendung anschauen. Jeder Fünfte, der einschalten will, gab an, dass er seine Wahlentscheidung vom Verlauf des Duells abhängig mache. Sollte tatsächlich jeder Zweite vor dem Fernseher sitzen, wären das mehr als 30 Millionen Wahlberechtigte – und damit doppelt so viele wie bei den Duellen 2013 und 2009. Nun ja, was die Leute bei Umfragen so alles sagen. Gegenüber Meinungsforschern bekunden auch immer viel mehr Menschen die Absicht, auf alle Fälle zur Wahl zu gehen, als es dann tatsächlich tun.

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Wahlkampfweisheit zum Tage: Die Sekundanten in TV-Duellen nehmen sich meistens wichtiger als die Duellanten.

Veröffentlicht auf www.tichyseinblick.de am 31. August 2017 und auf www.huffingtonpost.de am 1. September 2017


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