27.08.2017

Wenn linke Faschisten und rechte Achtundsechziger Wahlkampf machen

Wer Wahlkampf macht, muss mit Störern rechnen. Bei Gerhard Schröders letzter Schlacht 2005 protestierten vor allem Agenda-Gegner. Bei Angela Merkel versuchten früher meistens Linke zu stören, vor vier Jahren in erster Linie "Piraten". (Für Jüngere: Diese Partei saß einmal in vier Landtagen, existiert angeblich noch). Helmut Kohl hatte die ihn begleitenden, brüllenden, tobenden und geifernden Linken gerne als "Fußkranke der Weltrevolution" begrüßt, was seinen Anhängern immer wieder jubeln ließ.

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In diesem Wahlkampf ist manches anders. Wer sich für einen Anti-Faschisten hält und damit - implizit - ein Gegner der Meinungsfreiheit ist, der versucht AfD-Veranstaltungen zu verhindern. Falls das nicht gelingt, dann werden sie zumindest massiv gestört. Aus Sicht dieser "Antifaschisten" ist man dann ein lupenreiner Demokrat, wenn man andere niederbrüllt oder deren Plakate mit der Axt zerstört. Da weiß man wenigsten, wer die Demokratie nicht verteidigt. Denn diese so genannten Anti-Faschisten sind in Wirklichkeit linke Faschisten.

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Neue Erfahrungen machen auch die CDU und Angela Merkel. Wo immer die Kanzlerin auftritt, wird sie von rechts außen angepöbelt. Besonders ausfällig und lautstark treten die an ihren Plakaten und Transparenten zu erkennenden AfD-Anhänger in den neuen Ländern auf. Aber auch im Westen der Bundesrepublik toben sich AfD-Fans, Pegida-Anhänger und NPD-Glatzen aus, schreien aus geschwollenen Hälsen, pusten mit rot angelaufenen Gesichtern in ihre Trillerpfeifen, stoßen mit vor Hass funkelnden Augen möglichst üble Schimpfwörter aus. "Hau ab", "Volksverräter", "Lügner, Lügner", schallt Merkel da entgegen. Das sind die noch zitierfähigen Sprüche.

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Ob wildgewordenen Kleinbürgern und Hard-Core-Rechtsradikalen eigentlich bewusst ist, wessen Erbe sie da angetreten haben? Kein anderes, als das der Achtundsechziger! Damals, vor fünf Jahrzehnten, galt es als Ausdruck ideologischer Fortschrittlichkeit, den politischen Gegner mundtot zu machen, ihn niederzubrüllen, seine Versammlungen zu sprengen, Redner und Anhänger zu bedrohen. Die Achtundsechziger wähnten sich im Besitz der allein selig machenden Wahrheit, fühlten sich im Recht und gleichwohl unterdrückt, weil die Werktätigen Massen sich von ihnen partout nicht befreien lassen wollten.

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2017 sind wir wieder da, wo wir 1968 schon einmal waren: Pöbeln und Bedrohen als Wahlkampfmittel. Nur dass die Anti-Demokraten und Anti-Diskutanten nicht mehr ausschließlich links stehen sondern auch ganz rechts. Was für ein Triumph für die Alt-Achtundsechziger: Der rechte Pöbel hat die Kampfmethoden des linken Pöbels übernommen. Demokraten, hört die Signale!

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Wahlkampfweisheit zum Tage: Wer Politik mit dem Kehlkopf statt mit dem Kopf macht, hat es einfacher - er muss nicht denken.

Veröffentlicht auf www.tichyseinblick.de am 27. August 2017.


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