29.08.2017

Wahlplakate ohne Sinn und Verstand

Kein Wahlkampf ohne Slogans. Auf den Plakaten lesen wir geniale, pfiffige, und witzige, aber auch solche ohne Sinn – und manchmal auch ohne Verstand. Wer wollte zum Beispiel nicht, was die CDU vehement fordert: „ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben.“ Schön und gut. Fragt sich nur, leben wir nicht schon lange „gut und gerne“ hier? Sollte das jedoch nicht der Fall sein: Warum hat die CDU das nicht längst geändert, da sie doch schon seit 12 Jahren die Kanzlerin stellt?

Ebenfalls schwer nachzuvollziehen ist, was die Union mit „Familien sollen es kinderleichter haben“ meint. Hätten Väter und Mütter es mit weniger Kindern etwas leichter? Oder ist das der versteckte Hinweis, dass leichtere Kinder – also nicht so dicke – es den Eltern (und den Krankenkassen) leichter machten: idealgewichtig = gesünder? Nun ja, gehen wir mal davon aus, dass die Werber sich etwas gedacht haben und es den Auftraggebern gefällt.

Rätsel gibt auch die FDP auf. Da schaut einen Christian Lindner mit Vier-Tage-Bart ernst an, und darunter lesen wir: „Jetzt wieder verfügbar: Wirtschaftspolitik.“ Heißt das, dass in den vergangenen vier Jahren keine Wirtschaftspolitik gemacht wurde. Nun gut, vieles, was die GroKo auf diesem Gebiet abgeliefert hat, war nicht gerade berauschend, schon gar nicht im ordnungspolitischen Sinn. Aber gar keine Wirtschaftspolitik? Wenn dem so wäre, wären beispielsweise die Subventionen unter Schwarz-Rot seit 2013 nicht um fünf Milliarden Euro gestiegen, was aber – "dank" vorhandener Wirtschaftspolitik – leider der Fall war.

Noch so eine freidemokratische Wahlkampfweisheit: „Schulranzen verändern die Welt. Nicht Aktenkoffer.“ Wie bitte? Verändern Schulkinder die Welt? Bringen die Kleinen unser Land voran, von denen – nur nebenbei – immer weniger einen Ranzen und immer mehr einen Rucksack tragen? Oder sind für die Zukunft unseres Landes nicht eher die Aktenkoffer-Träger verantwortlich? Nichts gegen eine bessere Bildungspolitik. Aber wir können doch nicht unser ganzes wirtschaftliches oder technisches Know-how mit dem Aktenkoffer ausschütten.

Apropos Zukunft: Die kommt sicherer und pünktlicher als die Bahn, von Airberlin ganz zu schweigen. Was die Grünen offenbar anders sehen. „Zukunft kann man wollen oder machen“ verkünden sie in Pink auf Grün. Nur: Wer keine Zukunft will und keine macht, wird sie dennoch erleben. Dagegen hilft auch ein grüner Parteitagsbeschluss nicht.

Ohnehin lieben es die Grünen apodiktisch, wohl eine Reminiszenz an ihre radikalere Vergangenheit. „Umwelt ist nicht alles. Aber ohne Umwelt ist alles nichts“, verkündet ein Plakat. Und ein anderes: „Entweder Schluss mit Kohle oder Schluss mit Umwelt.“ Da kommt der/die Wähler*in ins Grübeln. Gibt es irdisches Leben ohne Umwelt? Und wie sieht das aus? Und wie müssen wir uns die Welt ohne Kohle und ohne Umwelt vorstellen? Höchste Zeit für einen aufklärenden Science Fiction-Film, aber bitte in Pink-Grün.

Mit ihrer Werbung strapazieren die Parteien nicht nur die Intelligenz der mündigen Bürger*innen. Manchmal verraten sie auch ihre wahren Absichten. So verspricht die SPD: „Bildung darf nichts kosten. Außer etwas Anstrengung.“ Was besser klingt, als es ist. Wer von den Schulranzen-Trägern nämlich nur „etwas Anstrengung“ verlangt, der gibt das Leistungsprinzip auf und verabschiedet sich von der Leistungsgesellschaft. Willkommen also in der neuen, schönen, mehr oder weniger anstrengungslosen und schweißfreien SPD-Welt, in der viel mehr „gut und gerne leben wollen“, als unserem Land gut täte.

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Wahlkampfweisheit zum Tage: Kein Slogan wirkt so gut wie ein ordentliches Wahlgeschenk.

Veröffentlicht auf www.tichyseinblick.de am 29. August 2017.


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