14.07.2017

„Gewalt kann per se nicht links motiviert sein“ - „Neonazis waren es sicher nicht“

Hugo Müller-Vogg: Es gibt zwischen uns beiden zweifellos keinen Dissens, dass Gewalt als Mittel der Politik in höchstem Maß undemokratisch und inhuman ist. Das haben wir ja beim G20-Gipfel in Hamburg gesehen. Was ich aber nicht verstehe, dass die Gewalttäter von Hamburg keine Linken gewesen sein sollen. Neonazis waren sie sicher nicht.

Angela Marquardt: Da bin ich aber froh, dass mir nicht wieder unterstellt wird, ich würde Gewalt auch nur im Ansatz legitim finden. Wir werden also schwerlich einen Dissens finden. Wer Gewalt relativiert, ist weder links noch an demokratischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen  oder Menschen interessiert.

Hugo Müller-Vogg: Also, wer mit Gewalt gegen den „Kapitalismus“ zu Felde zieht, wie jetzt ins Hamburg, gehört doch sicher nicht ins rechtsextreme Lager. Mir fällt auf, dass viele SPD-Politiker behaupten, aufgrund linker, antikapitalistischer Motive werde niemand gewalttätig. Die RAF hat aus linksextremistischen Motiven gemordet, die NSU aus rechtsextremistischen – was denn sonst?

Angela Marquardt: Wie kommen sie denn auf die Idee, dass diejenigen, die in Hamburg Autos angezündet, Geschäfte zerstört und Angst verbreitet haben, gegen den Kapitalismus zu Felde gezogen sind? Ich habe nur blinde Zerstörungswut gesehen. Und zur RAF: Kann ja sein, dass die sich selbst als unglaublich links und antikapitalistisch empfunden haben. Wer Menschen ermordet und Gewalt anwendet, hat den Grundgedanken linker Politik nicht verstanden. Man kann sich nur schämen, dass solche Leute sich links nennen und Menschen wie mich damit diskreditieren. 

Hugo Müller-Vogg: Die Sympathisanten der Gewalttäter aus der linken Hamburger Szene, zum Beispiel aus der Flora“, machen aus ihrem antikapitalistischen Bewusstsein keinen Hehl. Ich verstehe ohnehin die Aufregung über den Begriff „linke Gewalt“ nicht. In der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik wird bei politisch motivierten Straftaten immer zwischen „links“ und „rechts“ unterschieden; in den Verfassungsschutzberichten übrigens auch. Die politische Linke differenziert selbst auch nicht, wenn sie zum „Kampf gegen rechts“ bläst. Da werfen die großen Vereinfacher à la Stegner alles in einen „rechten“ Topf. Konservative, CDU/CSU, AfD, Pegida, NPD, NSU – von rechter Mitte bis zu den Rechtsextremen: Alles kommt in denselben Sack und dann wird kräftig draufgeschlagen.

Angela Marquardt: Dass ich differenziere, wissen Sie. Und ganz ehrlich: Was im VS-Bericht dazu steht, ist mir egal. Gewalt ist das Mittel von Demokratie- und Menschenfeinden und kann damit FÜR MICH per se nicht links motiviert sein. Mal davon abgesehen, dass man sich wehren darf, so wie ich, als ich regelmäßig von Nazis tätlich angegriffen wurde. Für mich ist mit dem Begriff links alles nicht vereinbar, was da in Hamburg geschehen ist. Das können andere anders sehen. Für den Rechtsextremismus ist die Gewalt konstituierend. So, wie sie das für den Faschismus auch ist. 

Hugo Müller-Vogg: Für mich sind die Gewalttäter aus dem Schwarzen Block Links-Faschisten. Aber da drehen wir uns begrifflich im Kreis.

Angela Marquardt: Vermutlich drehen wir uns wirklich im Kreis. Ich kann nämlich mit Links-Faschisten als Begriff nichts anfangen. Im Gegenteil, ein solcher Begriff verharmlost in meinen Augen Faschismus. Faschismus beinhaltet ja immer die Idee, einige Menschen seien weniger wert als andere, deshalb gehören sie ausgegrenzt oder gar ausgerottet. Das gibt es bei einem linken Ansatz eben gerade nicht. Vielleicht ist der Kompromiss, dass Gewalt Gewalt ist.

Veröffentlicht auf www.cicero.de am 14. Juli 2017.


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