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09.03.2013

Die Rache der Geschichte

Wie bringt man anderen Menschen Hiobsbotschaften bei? Da ist viel Fingerspitzengefühl gefragt. Die „Frankfurter Rundschau“ hat dies beherzigt, als sie ihren Lesern kürzlich das Unaussprechliche zu erklären suchte: die Rettung durch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, das Zentralorgan des Klassenfeindes.

Feinfühlig, wie man bei der FR nun mal ist, wurde die „neue Frankfurter Rundschau GmbH“ den eigenen Leserinnen und Lesern so erklärt: „Sie gehört zu 55 Prozent der Frankfurter Societät GmbH, zu 35 Prozent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung GmbH – die Karl-Gerold-Stiftung, gegründet vom früheren FR-Herausgeber, hält noch zehn Prozent.“

Stimmt alles, es fehlt nur ein kleiner Hinweis: Die Societät gehört ebenso wie die „Frankfurter Allgemeine“ zur Fazit-Stiftung, in der wiederum die FAZ das Sagen hat. Im Klartext: Die FR gehört faktisch zu 90 Prozent der FAZ. Aber so genau soll es der Rundschau-Leser – rot-grün gesinnt, gewerkschaftsfreundlich und immer noch vom antikapitalistischen Geist von 1968 ff. beseelt – gar nicht wissen.

Nun hat die Rettung der „Frankfurter Rundschau“ durch die FAZ-Gruppe tragische Züge, aber auch komische. Es ist schon tragisch, dass eine Redaktion jahrelang gekämpft und erhebliche finanzielle Zugeständnisse gemacht hat und die Selbständigkeit des eigenen Blatts dennoch nicht retten konnte. Immerhin bleiben – der FAZ sei dank – 28 Redakteursstellen erhalten. Dazu kommen noch einmal 28 Journalisten, die wie schon bisher von einem Dienstleister an die FR ausgeliehen werden – zu Gehältern, die unter dem Journalisten-Tarif liegen. Im Wirtschaftsteil der FR wurde so etwas früher als die hässliche Seite des Kapitalismus gebrandmarkt: „Leiharbeit“.

Die Redaktion der „neuen Frankfurter Rundschau“ wird ihren Sitz im selben Gebäudekomplex haben wie die FAZ. Und da wird’s komisch. Denn hier handelt es sich sozusagen um historisches Gelände – und um ideologisch vermintes obendrein. Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre war dieser Block im ehemals industriell geprägten, heute multikulturellen Gallusviertel häufig ein Schlachtfeld, auf dem die Polizei als Frieden schaffende Eingreiftruppe gut zu tun hatte. Denn in der damals noch dort beheimateten Societäts-Druckerei wurde neben der FAZ und der zur Societät gehörenden „Frankfurter Neue Presse“ auch eine Teilauflage von BILD gedruckt. Deshalb zogen außerparlamentarische Oppositionelle, darunter viele Rundschau-Leser und manch späterer Rundschau-Redakteur, häufig zum FAZ-Gelände, blockierten die Ausfahrt und riefen: "Enteignet Springer!" Eine Bundesrepublik ohne Springer-Presse, das wäre aus APO-Sicht schon das halbe Paradies gewesen.

Springer wurde bekanntlich nicht enteignet. Was der „Frankfurter Rundschau“ zugute kam. Denn Springer ließ später bei der Rundschau drucken, für gutes Geld versteht sich. Während fortschrittliche Menschen „BILD macht dumm“-Buttons an den selbst gestrickten Pullover steckten, machte BILD in Wirklichkeit reich – jedenfalls die FR. So half der kapitalistische Springer-Verlag der „Frankfurter Rundschau“ beim permanenten Überlebenskampf.

Man kann es auch schärfer formulieren: Ohne „Knete“ von Springer hätten die Rundschau-Redakteure schon vor vielen Jahren ihre Familien nicht mehr ernähren können. Was diese – im stillen Kämmerlein – sicher als besondere List der Geschichte gerechtfertigt haben. Hatte nicht schon Lenin vorhergesagt, der Kapitalist werde selbst den Strick verkaufen, mit dem er eines Tages aufgeknüpft werde?

Nun ja, aufgehängt wurde in Frankfurt niemand. Dafür hängt die „neue Frankfurter Rundschau“ jetzt am Tropf der guten alten Tante FAZ. Die Rache der Geschichte an jungen Revolutionären besteht eben nicht nur darin, später im Frack und mit Orden zum Opernball gehen zu müssen, wie der österreichische Real-Sozialist Bruno Kreisky zu spotten pflegte. Manchmal fällt die Rache der Geschichte noch grausamer aus.

Erstveröffentlichung: www.theeuropean.de vom 7. März 2013



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